Zur Diskussion

dīn,

Din: Islamische Religion, islamische Lebensweise

Lässt er sich in buchstäblich letzter Minute noch verhindern? Aus der Perspektive der nachhaltigen Demokratie sind wesentliche Fragen noch ungeklärt. Islamischer Religionsunterricht ist von der deutschen Bundesregierung flächendeckend an allen staatlichen Schulen gewünscht, die entsprechenden Lehrer werden an mehreren Hochschulstandorten ausgebildet, die Schulbücher (Reihe Saphir) sind im Druck: Lamya Kaddor, Rabeya Müller und Harry Harun Behr sind die Herausgeber von „SAPHIR. Religionsbuch für junge Musliminnen und Muslime, Kösel Verlag, München 2008. Diesen Brief erhielten wir aus unserem Leserkreis

Als Denkanstoß. Ein Brief

von Ümmühan Karagözlü

und Jacques Auvergne

Guten Tag (…)

als Diplom-SozialpädagogInnen und Vorsitzende eines gemeinnützigen Vereins, der vor allem Angebote zur sprachlichen Integration für SchülerInnen und Erwachsene mit Migrationshintergrund anbietet sowie als überzeugte DemokratInnen stimmen wir Ihren Argumenten in dem oben genannten Artikel dankbar zu und möchten mit Verlaub noch einige Denkanstöße hinzufügen.

Bei einschlägigen Internetadressen, Seminaren und Vorträgen haben wir uns über Glaubensprinzipien des Islam, Sunna und Scharia informiert und den Koran gelesen. Diskussionen mit säkularen muslimischen FreundInnen, der Arbeitsalltag mit KollegInnen mit und ohne muslimischen Migrationshintergrund sowie das Unterrichten von SchülerInnen und KursteilnehmerInnen, die mit ihren Familien einen eher traditionellen Islam leben haben uns umfangreiche Einblicke in islamisches Denken und Handeln verschafft. Wir kennen die problematischen Inhalte von Koran und Sunna somit auch aus der Praxis.

Besonders die Genderbilder, das fehlende Bekenntnis zu den universellen Menschenrechten und zur FdGO als oberster Rechtsnorm der BRD, das Ablehnen christlich-humanistischer Werte, Intoleranz gegenüber AtheistInnen, Ex-MuslimInnen oder Andersgläubigen, offener Antisemitismus, das Verbot und die Bestrafung von Apostasie, die Verweigerung, die deutsche Sprache innerhalb der Familie mit Migrationsgeschichte anzuwenden waren und sind immer wieder Reibungspunkte, die nach unserer Erfahrung einer gelingenden Integration und Partizipation entgegenstehen. Wie die vom Bundesinnenministerium initiierte Studie ‘Muslime in Deutschland‘ deutlich vor Augen führt, haben sich in unseren Städten bereits viele MuslimInnen in Parallelgesellschaften zurückgezogen.

Ein schriftlich fixiertes und gegengezeichnetes klares, unwiderrufliches Bekenntnis zu den universellen Menschenrechten und zur FdGO, unter besonderer Berücksichtigung der Gleichberechtigung der Geschlechter, der negativen Religionsfreiheit, der Meinungsfreiheit auch in religiösen Angelegenheiten und der sexuellen Selbstbestimmung wären Grundvoraussetzungen, auf denen auch der islamische Religionsunterricht fußen müsste. Ein differenziertes Überwältigungsverbot, das auch die freiwillige Teilnahme am RU umfasst, sowie das Kopftuchverbot für Lehrinnen wären uns sehr wichtig. Außerdem sollte jeglicher Konformitätsdruck auf die meist noch minderjährigen TeilnehmerInnen und deren Familien vermieden werden, auch das unter Druck Setzen von KlassenkameradInnen durch MitschülerInnen muss unterbunden werden. Islamischer Religionsunterricht darf auch niemals versetzungsrelevant werden oder den Notendurchschnitt beeinflussen. All diese Bedingungen oder vielmehr die Klärung derselben ist dem Bundesinnenminister offensichtlich nicht wesentlich.

Die historisch-kritische Textarbeit ist unverzichtbar für jeden Religionsunterricht in der kulturellen Moderne. Ziel eines säkularen Religionsunterrichts ist die Erziehung zur politischen und spirituellen Autonomie. Auch ein islamischer Religionsunterricht hätte diese demokratischen Qualitätskriterien zu akzeptieren. Dazu werden die Muslime, erst recht die von Schäuble erwünschten Moscheevereine, wohl noch auf Jahrzehnte nicht in der Lage sein.

Zudem sind wohl einige wesentliche Fragen nicht geklärt. So wäre interessant, ob die Koranschulen weiterhin Koranunterricht erteilen werden. Hätten wir dann morgens an den staatlichen Schulen den säkularen Religionsunterricht als Islam light und nach der Schule den Fiqh- und Scharia-Islam? Wie will Schäuble überwachen, ob muslimische ReligionslehrerInnen sich tatsächlich an die Vereinbarungen und Standards der staatlichen Aufsichtsbehörden halten?

Mit freundlichen Grüßen

Ümmühan Karagözlü,

Jacques Auvergne

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4 Antworten to “Zur Diskussion”

  1. Marti Says:

    Ümmühan Karagözlü und Jacques Auvergne haben völlig Recht!

  2. süreyya Says:

    Ich habe ihr Kommentar gelesen und sie tun mir sehr leid, wenn sie so wenig über den Islam wissen. Ich meine damit nicht das was sie aus den Medien erfahren.

    mfg

  3. alien59 Says:

    Ich bin inzwischen der Auffassung, dass wir Muslime lieber unsere Kinder in Eigenregie erziehen sollten. Diese sämtlichen Ideen, wie über sog. Islamunterricht an öffentlichen Schulen unsere Kinder einen entfremdeten, eingedeutschen Islam kennenlernen sollen, sind mir mehr und mehr suspekt. Verwenden wir doch unsere Energien auf guten Unterricht in den Moscheen und lassen den Religionsunterricht in den Schulen fallen.

  4. zottelhexe Says:

    Hallo Alien 59,

    Am 7. Februar, gerade an dem Tag an dem Sie Ihren Kommentar schrieben, war der 4. Todestag von Hatun Aynur Sürücü. Diese Familie ist das Musterbeispiel für Biographien von Menschen, die ihren Alltag nach Dogmen, Werten und Normen eines fundamentalistischen Islam der kulturellen Vormoderne ausrichten, wie er leider immer noch in den meisten Moscheen und Koranschulen oft genug mit Kritik würdigen Methoden der schwarzen Pädagogik eingebläut wird.

    Diese orthodoxen muslimischen Clans erziehen ihre Kinder Generation für Generation nach diesen patriarchalischen, frauen- und männerfeindlichen Denkweisen und Verhaltensmustern, die ihnen selbst aufgezwungen und eingeprügelt wurden. Eine solche Sozialisation beinhaltet die Ablehnung der Regeln, Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft und der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Sie fördert Bildungsverweigerung, selbstgewählte Fremdheit und Affinität zur Gewalt. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Statistik hat Ende Januar 2009 unter dem Titel „Ungenutzte Potentiale. Zur Lage der Integration in Deutschland“ eine Studie veröffentlicht, die eindeutig die schlechten persönlichen und beruflichen Zukunfts- und Entwicklungschancen nachweist, die durch eine solche orthodox islamische Lebensweise und Indoktrination begünstigt werden.

    In der Familie Sürücü gibt es einen kleinen Jungen, der keine Mutter mehr hat. Eine junge Frau, Tochter, Schwester und Mutter, die nur 23 Jahre alt wurde, weil einer ihrer Brüder sie umgebracht hat.

    Während ihres kurzen Lebens hat sie sehr unter den Dogmen, Werten und religiösen Traditionen eines konservativen, fundamentalistisch interpretierten Islam, wie er oft von Hocas und Predigern vermittelt wird, gelitten.

    Erst als Hatun Aynur die Kraft aufbrachte sich von der Ursprungsfamilie, die sie zwangsverheiratet, gequält und diskriminiert hat, loszulösen und ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen, gelang es der jungen Deutschen türkisch-kurdischer Abstammung, glücklich zu sein.

    Die willensstarke, intelligente Berlinerin führte einen eigenen Haushalt, befreite sich von konservativ-religiösen Kleidungsvorschriften, holte Schulabschlüsse nach, suchte sich ihr Freundinnen und Freunde selber, trat eine Lehrstelle in einem von Männern dominierten Beruf, die sie sich selbst ausgesucht hatte, lebte seit ihrem Auszug aus dem Elternhaus in der säkularen demokratischen Mehrheitsgesellschaft frei und integriert und wurde von Kolleginnen und Kollegen akzeptiert. Sie war ihrem Sohn eine fürsorgliche Mutter und ein gutes Beispiel. Wenige Tage nach ihrem gewaltsamen Tod wäre ihr der Gesellenbrief überreicht worden.

    Damit wäre der Weg offen gewesen für ein finanziell und persönlich unabhängiges, selbstbestimmtes und erfülltes Privatleben wie auch für einen erfolgreichen beruflichen Werdegang. Hatun Aynur war eine gute Tochter, die sich nichts sehnlicher wünschte, als von Vater, Mutter und Geschwistern akzeptiert und respektiert zu werden.

    Sie war mit Recht stolz auf ihren beruflichen Werdegang und wollte ihre Familie an ihrer Freude teilhaben lassen. Sie hatte am eigenen Beispiel erlebt, wie Menschen sich verändern und entwickeln können, warum sollte das für ihre Familie nicht möglich sein. Die erneute Kontaktaufnahme zur Herkunftsfamilie wurde ihr jedoch zum Verhängnis.

    http://schariagegner.wordpress.com/2007/11/26/fur-ein-selbst-bestimmtes-leben-%E2%80%93-nicht-erst-im-paradies/

    Ein islamischer Religionsunterricht, wie ihn die Bundesregierung flächendeckend einführen will, gefährdet mit seinen an Koran, Sunna und Scharia ausgerichteten frauenverachtenden und männerabwertenden Menschenbildern, die Andersgläubige, Atheistinnen und Atheisten sowie säkulare Musliminnen und Muslime diskriminieren und bedrohen den Klassen- und Schulfrieden. Seine Glaubensinhalte sind wenigstens integrationspolitisch, wenn nicht sogar verfassungsrechtlich problematisch.

    Ein für alle Schülerinnen und Schüler verbindlicher Ethikunterricht als Ersatz für jeglichen Religionsunterricht, der sich an den Werten und Normen der europäischen Aufklärung, des Humanismus und der freiheitlichen Demokratie orientiert und eine Bildung über möglichst viele Religionen einschließt, die in religionswissenschaftlichem Selbstverständnis historisch-kritische-historische Textanalyse zulässt und nicht indoktriniert, wäre für mich der einzig akzeptable Weg, der ein selbstbestimmtes, friedliches, und rechtsstaatlich geprägtes Zusammenleben ermöglicht und hilft, private und berufliche Integrationshemmnisse abzubauen.

    Zottelhexe

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