Ethik statt Scharia

Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen fördert Rechtsspaltung und grundrechtsfreie Parallelgesellschaften

Ein Zwischenruf von Ümmühan Karagözlü aus Anlass des Kommentars von Irem auf den Textbaustein 081 beim Blog Sägefisch[1]

irem sagt am 24. Februar 2009

Hallo, ein islamischer Religionsunterricht an unseren Schulen ist längst überfällig und muss genauso behandelt werden, wie ein christlicher oder jüdischer Religionsunterricht (s. Grundgesetz!). Ich kann Ihren Ausführungen in keinster Weise folgen. Versetzungsrelevaz muss ebenso gleichberechtigt gehandhabt werden, wie ein christlicher und jüdischer Religionsunterricht. Da ich in der Zeitung gelesen habe, dass der alevitische Religionsunterricht an den Schulen schon anerkannt ist, frage ich Sie, wie dieser Religionsunterricht denn überwacht wird? Fundamentalisten und konservative Religionslehrer gibt es in allen Religionen, in den christlichen ebenso wie in den jüdischen und islamischen. Aber behandelt werden müssen alle Religionen gleichwertig. Und – da sind sich alle, die mit Schule und Religion zu tun haben, einig – es MUSS ein ebenso anerkannter islamischer Religionsunterricht an die Schulen, wie der Unterricht von allen anderen Religionen. Alles andere wäre ebenso undurchsichtig, wie all die sog. “Hinterhofmoscheen”.

Es ist immer wieder erstaunlich, dass für die meisten öffentlich bekennenden Muslimas und Muslime das Grundgesetz aus nur zwei Artikeln zu bestehen scheint, nämlich Artikel 4 und Artikel 7 GG.

Davon, dass selbst die Grundrechte nur innerhalb eines bestimmten Rahmens gelten und ihnen dort Grenzen gesetzt sind, wo Grundrechte Dritter oder andere Grundrechte berührt oder verletzt werden, haben diese Bürgerinnen und Bürger anscheinend noch nie etwas gehört. Dass bei einer solchen Kollision von Grundrechten eine Abwägung von Rechtsgütern stattfindet, in deren Folge ein Grundrechtsanspruch eingeschränkt wird, wissen sie nicht. So ist ihnen das Grundrecht der negativen Religionsfreiheit entweder gänzlich unbekannt oder sie ignorieren und verdrängen dieses Wissen schleunigst.

Politik oder Staatskunde gehört im Allgemeinen nicht zu den leistungsstarken Schulfächern deutscher Schülerinnen und Schüler, aber wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

In Artikel 7 heißt es: Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes (Art. 7 Abs. 1) wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Die Damen und Herren des Parlamentarischen Rates, die 1949 mit der Ausarbeitung einer Verfassung für die westlichen Besatzungszonen beauftragt wurden, dachten dabei jedoch im Wesentlichen an die beiden Großkirchen und den christlichen Religionsunterricht.

Nach langem, teilweise erbittertem Kampf hatten die Führungsspitzen der Katholiken und Protestanten das Verfassungsprinzip der Säkularität (Trennung von Staat und Kirche) anerkannt, sich zur Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Menschen nach Artikel 3 GG bekannt das heute auch ein Diskriminierungsverbot der sexuellen Orientierung ausdrücklich einschließt. Gleichzeitig wurde das Machtmonopol der beiden Religionsgemeinschaften, das neben rein religiösen Angelegenheiten auch die Lebensgestaltung der Menschen und die Politik wesentlich prägte, weitgehend auf den kirchlichen Einflussbereich beschränkt. Einer staatlichen Anerkennung als Körperschaft des Öffentlichen Rechts stand daher kein Hindernis im Weg.

Diesen Entwicklungsschritt, sich zum Grundgesetz der Bundesrepublik und zu den universellen Menschenrechten zu bekennen, haben die muslimischen Verbände noch nicht vollzogen. Im Gegenteil: Zugeständnisse, die während der Deutschen Islamkonferenz (DIK) in Arbeitsgruppen ausgearbeitet wurden, wurden beispielsweise vom Islamrat später wieder zurückgezogen. Keine der vielen muslimischen Gruppierungen, mit Ausnahme der Aleviten ist daher staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft. An diese angestrebte Rechtsform der Körperschaft des Öffentlichen Rechts sind eine Menge begehrter Privilegien gebunden, die Organisationen auch nur dann zustehen sollten, wenn der Staat beziehungsweise dessen beauftragte Kontrollbehörden von deren absoluter Gesetzes- und Verfassungstreue überzeugt sind. Das ist bei den Zusammenschlüssen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden sicher nicht der Fall. Berechtigte Zweifel bestehen jedoch auch bei anderen muslimischen Vereinigungen, wie die allgegenwärtige Problematik von Zwangsverheiratung, familiärer Gewalt vor allem an Frauen und Kindern, Vergewaltigung in und außerhalb der Ehe zeigt. Weitere Barrieren bilden Fundamentalisierung, Bildungsverweigerung und Ablehnung der deutschen Sprache sowie Umgang mit Apostatinnen und Apostaten, Kritikerinnen und Kritikern. Das Prinzip »al-walā‘ wa-l-barā’a« (Verpflichtung zur blinden intermuslimischen Solidarität bei Meidung der Nichtmuslime und ihres Verhaltens), bzw. »hisba« (Mitverpflichtung zur lokalen Umsetzung von Sunna und Scharia) fördert Integrationsresistenz und Tendenz zur Abschottung in grundrechtsfreie Parallelwelten.

Der Islam ist tatsächlich eine tolerante Religion, jedoch nur für die Glaubensgeschwister oder Nicht-Muslime, die sich den Regeln von Koran, Scharia und Sunna unterwerfen, beziehungsweise seinen politischen Forderungen und dem Zwang zum Dialog nach muslimischen Regeln. Alle anderen müssen um ihre universellen Menschenrechte, ihre Lebensqualität, ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten.

Als türkischstämmige Sozialpädagogin und säkulare Muslima in der Mädchenarbeit und in der sozialpädagogischen Lernförderung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund kenne ich mich mit dem Alltag an deutschen Schulen sehr gut aus. Daher widerspreche ich ihnen aufs Schärfste. Keinesfalls sind alle, die mit Schule und Religion zu tun haben, der Meinung, der bekennende Islamunterricht als ordentliches Lehrfach sei ein MUSS. Sie halten den Islam, der in verschiedene Rechtsschulen zerfallen und in unterschiedliche Moscheevereine, muslimische Verbände und Gruppierungen aufgesplittert ist, von der aber keine behaupten kann, für die Gemeinschaft der Muslime zu sprechen, zurzeit für nicht schulfähig. Anders als von den Vertreterinnen (?) und Vertretern des Verbandsislam immer wieder behauptet und von der Presse dienstbeflissen ständig falsch wiederholt und weiterverbreitet, hat es auf der Islamkonferenz keinen einvernehmlichen Beschluss gegeben, bekennenden Islamunterreicht einzuführen.

Als Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen fühlen wir uns dem Menschenbild des Humanismus und den Werten und Normen der Aufklärung verpflichtet. Wir wollen Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, mutig ihren eigenen Verstand zu nutzen, um ein immer neu zu bearbeitendes, kritisches Verständnis von Kultur und Menschheitsgeschichte sowie von der biologischen und physikalischen Natur der Welt zu entwickeln. Mädchen wie Jungen sollen zu demokratischen Persönlichkeiten heranwachsen, die ihre Grundrechte kennen und jedem Fundamentalismus gegenüber immun sind, die sich selbstbewusst einmischen und kritisch Stellung nehmen. Wir Pädagoginnen und Pädagogen wollen dazu beitragen, dass sie das Rüstzeug haben, sich in einem ihren Neigungen, Fähigkeiten und Wünschen entsprechenden Berufs- und Privatleben verwirklichen zu können. Wir stellen ihnen Lernräume zur Selbstentfaltung und Selbsterprobung zur Verfügung, schützen sie vor Ausgrenzung und leiten sie an, sich zu selbstbewussten, lebensfrohen Persönlichkeiten zu entwickeln, die bereit sind, sich am Unterricht aktiv und interessiert zu beteiligen und sich voll Zuversicht auf den nächsten Tag und die fernere Zukunft einzulassen.

Lerninhalte von Koran, Sunna und Scharia sind jedoch nicht mit der FdGO kompatibel und widersprechen den genannten Bildungszielen öffentlicher Schulen teilweise diametral[2], [3]. Ein schriftlich fixiertes und gegengezeichnetes klares, unwiderrufliches Bekenntnis zu den universellen Menschenrechten und zur FdGO, unter besonderer Berücksichtigung der Gleichberechtigung der Geschlechter, der negativen Religionsfreiheit, der Meinungsfreiheit auch in religiösen Angelegenheiten und der sexuellen Selbstbestimmung sowie koedukativer Unterricht wären Grundvoraussetzungen, auf denen auch der islamische Religionsunterricht fußen müsste. Ein differenziertes Überwältigungsverbot, das auch die freiwillige Teilnahme am RU umfasst sowie das Kopftuchverbot zumindest für Lehrerinnen wären sehr wichtig. Jeglicher Konformitätsdruck auf die meist noch minderjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie deren Familien muss vermieden werden. Auch ein Mobben von säkularen Glaubensschwestern, die sich nicht der strengen Orthopraxie des Islam unterwerfen und ein Ausgrenzen von Nicht-Musliminnen, bezeichnenderweise werden Schüler beider Gruppen meist in Ruhe gelassen, muss verhindert werden. Bekennender Religionsunterricht sollte niemals versetzungsrelevant werden oder den Notendurchschnitt beeinflussen.

Kinder und Jugendliche haben das Recht, soviel und solange wie möglich an allen staatlichen Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten der Schulen und öffentlichen Einrichtungen teilzuhaben. Nur wenn sie sich ohne Bevormundung und Eingrenzung durch religiöse Vorschriften entwickeln, werden sie verantwortungsbewusste und teilhabende Mitglieder der Gesellschaft werden können. Gänzlich kopftuchfreie Schulen, auch für Schülerinnen wären ideale Lern- und Experimentierfelder des freien und geschützten Erarbeitens von Gender-Rollen und Handlungsspielräumen, die gerade den Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden aus konservativen Familien mit muslimischem Migrationshintergrund sowie zum Islam konvertierten autochthonen Eltern ansonsten gänzlich fehlen würden. Das Recht auf Schulbildung hat Vorrang vor der Religionsfreiheit der Eltern.

Anders als vielfach behauptet bevorzugen viele Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern einen verpflichtenden Ethikunterricht als ordentliches Lehrfach[4]. Ich empfehle Ihnen den Artikel von Alan Posener aus der gestrigen WELT[5].

Ümmühan Karagözlü


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