Bochum: AStA lädt unbequemen Wissenschaftler aus

An die Studierenden der Uni Bochum. Offener Brief

Von Gabi Schmidt und Edward von Roy, 03. Juni 2009

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, sehr geehrte Damen und Herren,

mit einiger Verwunderung und großer Verärgerung haben wir die Absage der für den 27.05.2009 anberaumten Veranstaltung »Islamismus als religiöser Totalitarismus« vernommen.

Grundsätzlich stimmen wir ja zu, dass man verfassungsfeindlichen Extremisten keine Bühne bieten darf, im vorliegenden Fall ist die Kritik an dem eingeladenen Gastredner aber völlig überzogen. Islamkritiker mögen ja als politisch inkorrekte Spaßbremsen verspottet und deshalb nicht zu angesagten Gartenpartys eingeladen werden, damit allerdings können Gastgeber und Betroffene ganz gut leben. Es liegt vollkommen in der Natur der Sache, dass sich aus unabhängiger Untersuchungs- und Forschungsarbeit Ergebnisse herauskristallisieren können, die unseren Hedonisten die Spaßkultur vermiesen, kulturrelativistisches Gutmenschentum als menschenrechtswidrige N.I.M.B.Y. Ideologie (2) enttarnen und politisches Machtkalkül durchkreuzen. Solch wissenschaftlich hochwertige Forschung und deren jeweils evaluierbares Resultat richtet sich eben nicht nach der Meinung der Obrigkeit und fragt auch nicht nach einem Parteibuch.

Unangepasst kritisch denkende Gegner des orthodoxen Islam deshalb pauschal als Verfassungsfeinde zu diskreditieren, weil sie wissenschaftlich evaluierbar zu politisch inkorrekten Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen und diese zivilcouragiert auch öffentlich vertreten, schießt jedoch weit über unser gemeinsames Ziel hinaus, die Bundesrepublik vor faschistoidem Gedankengut und drohender Unterwanderung durch rechtsradikale Demagogen zu schützen.

Gesundes Misstrauen ist sicherlich gerechtfertigt, wenn Referenten, denen man sich bisher politisch verbunden gefühlt hat, bei Organisationen auftreten, die in dem Verdacht stehen, der konservativen Rechten nahe zu stehen. Ist deshalb jeder Redner, der einer Einladung einer solchen Vereinigung einmal folgte, gleich ein Sympathisant rechtsradikaler Ideologie oder Faschist? Die NPD lehnt den Türkei-Beitritt zur EU ab, die CDU ebenso. Deshalb ist die Bundeskanzlerin und Parteivorsitzende Angela Merkel doch keine rechtsextremistische Politikerin und sind die sind Christdemokraten keine demokratiefeindliche Partei. Einem sicherlich politisch eher links einzuordnenden Sozialwissenschaftler muss es doch erlaubt sein, seinen Redebeitrag auch vor einem potentiell eher konservativen Auditorium zur Diskussion zu stellen, um Fundamentalismuskritik aus dezidiert linker Sicht zur Sprache zu bringen, ohne in den Verdacht zu geraten, “politisch unzuverlässig“ zu sein. Goebbels Reichskulturkammer hat in einer freiheitlichen Demokratie genauso wenig zu suchen wie sozialistische Gesinnungsschnüffelei der Staatssicherheit.

Sicherlich liegt es im Ermessen eines Veranstalters und Gastgebers, jederzeit von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen und den Referenten und damit auch sein Publikum kurzfristig auszuladen. Ein Blick auf den Veranstaltungskalender legt jedoch nahe, dass die Entscheidung, eine Veranstaltung, die seit Wochen angekündigt war, nicht aus den vom AStA-Vorsitzenden Karsten Finke vorgeschobenen Gründen wenige Stunden vor Beginn abgesetzt worden ist.

Bei der traditionsreichen Schlammschlacht um die Machtverhältnisse und Abhängigkeiten am AStA der Ruhr Uni Bochum, unter welcher Referent und Zuhörerschaft bereits im November 2008 zu leiden hatten, spielt ein an den AStA adressiertes Pamphlet der DKP Kreisvorstand Bochum eine herausgehobene Rolle, einer Partei also, die seit ihrer Gründung vom Verfassungsschutz beobachtet und als “eindeutig verfassungsfeindlich“ eingestuft wird.

Das plötzliche, aus unserer Sicht völlig unbegründete Auftritts- und Redeverbot im Mai 2009 stieß bei den Interessenten des Vortrags, die sich auf einen spannenden und lehrreichen Abend sowie eine kontroverse Diskussion gefreut hatten und deshalb aus verschiedenen Städten anreisen wollten, auf wenig Verständnis. Im abgewiesenen Publikum befanden sich auch kritische Linke, die zwar den Rechtskonservatismus ablehnen, trotzdem aber durchaus an den Sachargumenten zur religiösen Fundamentalismuskritik und am geplanten anschließenden, sicherlich sowohl spannenden als auch facettenreichen Streitgespräch interessiert waren.

Autoritäre Herrschaftssysteme sozialkritisch zu analysieren und religiöse Weltanschauungen und fundamentalistische Denkmuster zu untersuchen ist historisch gesehen zweifelsfrei Domäne linker Ideologie. Daher ist es selbst nach klassisch sozialistischem und kommunistischem Selbstverständnis nur folgerichtig, dass auch im 21. Jahrhundert nachhaltige Gesellschafts- und Fundamentalismuskritik aus der (demokratischen) politischen Linken kommen kann, soll und muss. Offensichtlich ist das autonome Denken, zivilcouragierte Darstellen und Verteidigen seiner begründeten Gegenpositionen bei den Genossen jedoch nur dann willkommen und geduldet, wenn die Argumente mit der Ideologie der patriarchalisch autokratischen Führungselite kompatibel sind. Selbst wissenschaftlich fundierte Kritik am Wohlverhaltenskodex von Sunna, fiqh Jurisprudenz und Scharia Doktrin wird undifferenziert als kulturrassistisch und faschistisch diskreditiert.

Es ist völlig widersinnig, dass gerade die vermeintlich antifaschistische Linke, die sich selbst gerne den Anschein des Rebellischen und Gegenkulturellen gibt, jedem Parteigenossen, Gleichgesinnten und Sympathisanten innerhalb des eigenen, nämlich linken politischen Lagers, das Recht abspricht, gegen den Strom zu schwimmen. Querdenker werden vielmehr als Verräter, Abtrünnige oder “Rassisten“ diffamiert. Das ist nicht links, sondern allenfalls link. Oberflächlich betrachtet mag es eine verlockende und entlastende Strategie sein, nonkonformistische, nachhaltige Fundamentalismuskritik dem rechtskonservativen Meinungsspektrum zu überlassen. Bloß nicht anecken, kein Missfallen erregen, nicht auffallen. In wirtschaftlichen Krisenzeiten ist das nach oben Buckeln, nach unten Treten eine vielfach kopierte, wenn auch fragwürdige und undemokratische Erfolgsstrategie. Sozialdarwinistische Hedonisten ziehen vor, einfach das Leben zu genießen und es sich gut gehen zu lassen. Wer nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht, hat wohl etwas falsch gemacht und ist selber schuld. Sich in diesem just-world phenomenon (1) bestätigt zu sehen, schmeichelt ihrem (“linken“) Ego, gibt ihnen die Möglichkeit, arrogant auf machtpolitisch Schwächere herabzusehen, diese zu mobben und zu genüsslich exkludieren.

Sogenannte Linke können sich selbstgerecht in ihrem vermeintlich antifaschistischen Image sonnen. Sie werden das dieser Jahre selten günstige Klima nutzen, als ’politisch korrekter Gutmensch’ die persönliche Integrität unliebsamer Parteifreunde, politischer Gegner und Konkurrenten anzugreifen, um deren politischer beziehungsweise beruflicher Laufbahn zu schaden. Gelingt ihnen diese Kabale, stehen diese hinterhältigen Ränkeschmiede für die uninformierte Öffentlichkeit völlig unangefochten als politisch und persönlich integer auf der vermeintlich gerechten Seite. So behält man scheinbar saubere Hände und kann trotzdem die Pfründe weiterhin einstreichen.

Um jedoch politische Stabilität und gesellschaftlichen Frieden zu garantieren, ist es unumgänglich, dass alle demokratischen Parteien in gemeinsamer Verantwortung dazu beitragen, individuelle Handlungsfreiheiten und persönliche Gestaltungsspielräume für jeden Bundesbürger wenigstens zu erhalten, wenn nicht gar im rechtlich geschützten Rahmen auszubauen. Daher darf jeder seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei äußern, die Freiheit der Wissenschaft, der Forschung und der Lehre sind verfassungsrechtlich geschützt.

Auch die in Artikel 5 genannten Grundrechtsansprüche sind unschätzbare Qualitätskriterien der dem Aufklärungshumanismus verpflichteten säkularen Demokratien, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Nie wieder dürfen Wissenschaft, Forschung, Lehre und Bildung durch antidemokratische, totalitäre Machtkartelle dazu missbraucht werden, inhumane rechts- oder linksradikale Herrschaftssysteme zu stützen. Ebenso sind diese Bereiche in wirtschaftlichen Krisenzeiten auch vor einer Privatisierung und Kommerzialisierung zu bewahren.

Politische Bildung gerade an Hochschulen und Universitäten muss von einer respektvollen Streitkultur und kritischem, eigenständigem Denken gekennzeichnet sein. Demokratische Gesprächskultur und Lernbereitschaft zeigt sich auch im Zulassen kontroverser Diskussion.

Weltweit beginnt ein erstarkender Fundamentalismus, antidarwinistischer Kreationismus und vormoderner Patriarchalismus Freiheitsrechte legalistisch auszuhebeln, frauenpolitische und wissenschaftliche Standards auszuhöhlen sowie persönliche Entwicklungschancen einzuschränken. Während die großen Kirchen weiterhin Mitglieder verlieren, erfreuen sich evangelikale Freikirchen wachsenden Zulaufs. Der Niederländer Jan Siebelink beschreibt in seinem 2007 erschienenen, teilweise autobiographischen Roman ’Im Garten des Vaters’, wie religiöser Fundamentalismus persönliche Freiheit, Selbstbestimmung und hedonistische Lebenslust rigide einschränkt. Der ’Atlas der Schöpfung’, Kölner Biologie- sowie Philosophielehrerinnen und lehrern kostenlos als Werbegeschenk zugestellt, zeigt, mit wie viel Aufwand die Lobby des Kreationismus versucht, für ihre Lehre zu werben (3). Genese und Rezeption der weltweit hart agitierenden fundamentalistischen Lobbies einer gründlichen Analyse zu unterziehen, sollte für alle politisch Interessierten, insbesondere auch für angehende Juristen, Soziologen, Theologen, Pädagogen und Sozialpädagogen Teil professioneller Identität sein.

Die jahrzehntelangen Fehlentwicklungen bundesdeutscher Integrationspolitik, die mittlerweile auch von Regierungsvertretern eingeräumt werden, nun mittels migrationswissenschaftlicher oder islamwissenschaftlicher Mietmäuler zu romantisieren und schönzulügen, trägt eher zur Erosion des Rechtsstaats und der offenen Gesellschaft bei. Fundamentalismus beziehungsweise religiös verbrämter Radikalismus jeder Couleur gefährdet die freiheitliche Demokratie und das selbstbestimmte Leben des Einzelnen. Totalitarismuskritik darf den orthodoxen Islam nicht verschonen.

Der Erfolg und die Qualität von Studium und Berufseinstieg werden wesentlich durch universitäre Lehre und bildungsorientierte studentisch organisierte Rahmenveranstaltungen bestimmt, was einen Standortvorteil auch für Bochum darstellen könnte (Ranking). 2009 kann ich die Ruhr-Uni Bochum meinen Abiturienten oder meiner Tochter beziehungsweise meinem Sohn nicht empfehlen.

Mit freundlichen Grüßen

Gabi Schmidt, Edward von Roy

(1) Die “just-world“-Theorie untersucht das Gerechtigkeitswahrnehmen des menschlichen, zu Viktimisierung oder Schicksalsergebenheit neigenden Weltwahrnehmens


http://en.wikipedia.org/wiki/Just-world_phenomenon

(2) Der Nimby sagt: Ja zum Problem, aber nicht in meiner Nähe

http://de.wikipedia.org/wiki/Nimby

(3) Helmut Frangenberg 2007 über den radikalislamischen Kreationisten Harun Yahya

http://www.ksta.de/html/artikel/1190059904825.shtml

>
> [Und so antwortet unsere künftige akademische Elite auf Kritik]
>
——– Original-Nachricht ——–
> Datum: Thu, 04 Jun 2009 11:21:05 +0200
> Von: Karsten Finke
> Betreff: Offener Brief
>
Sehr geehrte Gabi Schmidt, sehr geehrter Edward von Roy,

ich war ein wenig überrascht über Ihren Brief. Sie scheinen über die
internen Vorgänge im AStA ja sehr gut Bescheid zu wissen😉

Spass beiseite, leider konstruieren Sie hier ein sehr merkwürdiges und fast schon paranoides Luftschloss, ich weiß leider auch nicht, wie Sie auf solche Dinge kommen.

Wenn Sie möchten, können wir uns aber gerne mal zusammen setzen und über die Vorkommnisse reden. Teilen Sie mir bitte mit, wann Sie Zeit haben.

Alles Gute,

Karsten Finke
(AStA-Vorsitzender)

Schlagwörter: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: