Kritik an der Tagung 900 Jahre al-Ġazālī

أسنابروك

Osnabrück

Osnabrück und das erneuerte Mittelalter

Heilssicherung verhindert Wissenschaftlichkeit. Offener Brief zur Osnabrücker Tagung 900 Jahre al-Ġazālī im Spiegel der islamischen Wissenschaften – Perspektiven für eine Islamische Theologie in Deutschland. Von Edward von Roy am 17.10.2011

Blindes Vertrauen ist ein romantisches Ideal meist kurzlebiger Jugendgemeinschaften, das in privaten Freundschaften oder ehelicher Paarbeziehung seine Berechtigung haben mag, nicht aber im Berufsleben oder im wissenschaftlichen Diskurs. Daher gilt es, sobald Menschen konkurrierender Lobbygruppen einander begegnen, niemals zu vermuten, „alle Zweifel beseitigt“ oder vollumfängliche Harmonie hergestellt zu haben, was den Verzicht auf die eigene Kritikfähigkeit integrieren müsste. Die aus feudalen, sprichwörtlichen Herrschaftszeiten stammende Ortsbezeichnung Platz des himmlischen Friedens (Tiān’ānmén) zeigt mit getöteten Demonstranten, was verstaatlichte Beschwörung absoluter Eintracht meint.

Kein geringeres Versprechen aber als das einer die jenseitige Glückseligkeit vorwegnehmenden, unüberbietbaren Gerechtigkeit im Zusammenleben zwischen Männern und Frauen, Muslimen und Nichtmuslimen bietet uns der Vollender der koranbasierten Weltdeutung und Justiz an, der im Jahre 1111 verstorbene Abū Ḥāmid al-Ġazālī. Allahs Rede an Mohammed ist für Schriftgläubige keine Stichwortsammlung zum Ausdiskutieren, keine halbe Sache, sondern auf Dauer (bis zum Tage der Auferstehung) gültiger Befehl: „Was im Koran steht, ist das wortwörtliche Wort Gottes“, fasst der aufgeklärte Bassam Tibi das nicht zuletzt durch al-Ghazali verewigte Dogma zusammen.

Physikalische Kausalität rückt der mittelalterliche Theologe in die Nähe der Blasphemie, denn nicht die Naturgesetze seien es letztlich, die Wirkung haben, nur die Gottheit sei Ursache. Wer ausschließlich philosophisch denkt, gelte im Vergleich zu einem islambewussten Menschen im Diesseits und Jenseits als sittlich minderwertig – mit in jeder Hinsicht höllischen Folgen.

Wer am Sinn der Scharia zweifelt, dem mangele es an Verstand, wie Imam al-Ghazali dem Gottsucher nahe legt:[1]

„Die wirkliche Vernunft gestattet es, den Pfad der Glückseligkeit (the path of felicity) vom Pfad der Verdammnis zu unterscheiden.“

„Moralisch gute Gesinnung zielt darauf, jede schlechte Angewohnheit zu entfernen, wie das islamische Gesetz der Scharia gründlich aufzeigt. … Gute Gesinnung lässt einen die schlechte Gewohnheit so verabscheuen wie Schmutz.“

Gelingendes Leben ohne erfüllten Schariagehorsam wird in einem an al-Ghazali orientierten Islam unmöglich sein, den ein Handeln, was die Banden des Islamischen Rechts übersteigt, ist pflichtgemäß als dreckig und Ekel erregend zu empfinden. Ein an al-Ghazali orientierter Religionsunterricht dürfte die Kinder und Jugendlichen von der freiheitlich demokratischen Grundordnung mehr und mehr entfremden:

„Solange die Ausübung der islamischen Pflichten mit Kummer oder Widerwillen verknüpft bleibt, zeigt sich ein Charaktermangel, der den Weg zum Glück verhindert.“

Zu den Folgen für Kreativität und Geistesleben meint Soziologin Necla Kelek:

„Al-Ghazali war es also letztlich, der den Islam mit seiner „Widerlegung der Philosophen“ gegenüber jedwedem Zweifel versiegelte und die Religion damit in jenes Gehäuse verbannte, das ihr bis heute jede Möglichkeit zu Innovation, Weiterentwicklung und Modernisierung raubte. … Mit der Leugnung der Philosophie hat sich die islamische Welt letztlich vor fast eintausend Jahren aus dem kulturellen Diskurs in Europa verabschiedet. Der Islam hat sich in den letzten fast eintausend Jahren nicht nur der Philosophie, sondern auch den Naturwissenschaften verschlossen. Die Freiheit des Denkens verschwand unter dem Gebetsteppich.“[2]

Alle heutigen einflussreichen islamischen Strömungen haben keine andere Scharia im Programm als der vor neun Jahrhunderten verstorbene persische Staatsideologe und Religionspolitiker. Keine neuzeitliche auf dem Koran gründende Bewegung, von Necmettin Erbakans Millî Görüş bis zu den 1928 entstandenen Muslimbrüdern, von der an Maududi orientierten pakistanischen Jamaat-e-Islami bis zum saudischen Wahhabismus, will, etwa Frauenrechte und Meinungsfreiheit betreffend, eine grundsätzlich andere Islamische Ordnung (Nizam Islami, Hakimiyyat Allah) als jener al-Ghazali, der im Oktober 2011 in der Universität zu Osnabrück festliche Ehrung erfährt.

Die international aktive, Islam und Türkentum verherrlichende Millî Görüş bemüht sich gegenwärtig und nicht ohne Erfolg, ihre Unterwanderung der türkischen Regierung zu beenden, weshalb sich Ministerpräsident Erdoğan, der seit 40 Jahren Erbakans religiöser Bewegung angehört, selbstsicher als ein Anhänger der Scharia bezeichnete.[3]

Der einstige Außenminister Abdullah Gül ist heute Staatspräsident und wird von der BBC als „ex-Islamist“ bezeichnet. Früher stellte er klar:

„Der Islam regelt die weltliche Ordnung. Ich als Moslem glaube daran. In der Türkei gibt es Gesetze, die den Islam unterdrücken, und diese Unterdrückung muss aufgehoben werden.“

Dass die alle 80.000 türkischen Moscheen überwachende DIYANET, als deren deutscher Arm die DITIB fungiert, die schariagemäße (herabgesetzte, obszönisierte und dämonisierte) Frauenrolle propagiert, berichtete die Presse 2008:

„Es handelt sich um einen Leitfaden für das gute und vorbildliche Leben der muslimischen Frau. Flirten, so heißt es da, sei nicht mehr und nicht weniger als Ehebruch. Der Kontakt mit fremden Männern müsse generell vermieden werden. Der Gebrauch von Parfüm außerhalb des eigenen Hauses sei Sünde. „Frauen müssen vorsichtiger sein, sie senden besondere Reize aus“, so der Text weiter.“[4]

Der Islam von Scharia und Fiqh missbilligt jedes Familienleben oder jede Lebensführung, jede Religionskunde oder Islamforschung, die alle irdischen Belange nicht den repressiven Vorgaben des „außerweltlich-gottgeschaffenen“, dem Verstehen letztlich enthobenen Gottesgesetz nachordnet. Es stimmt, dass der abwechselnd als Mystiker oder Philosoph gehandelte Abu Hamid al-Ghazali dem Gottesfürchtigen den Weg in den Himmel nicht verbauen will. Jener allerdings hat sich, sozusagen als Gegenleistung, „weltlich-irdisch“ (sozial, politisch) durch absoluten Verhaltensgehorsam auszuzeichnen, einem Kodex gegenüber, der unbegreiflich bleiben muss und allein deswegen keiner Kritik bedarf.

Die nicht kodifizierbare Scharia wird durch Hisba (Orthopraxiedurchsetzung) und Da’wa (Mission) jedem Tugendverweigerer ausgesprochen (schmerzhaft) spürbar, ihrer systemeigenen Ganzheitlichkeit und Dynamik nach gleicht sie keiner Speisekarte, sondern versteht sich als Komplettangebot. Den Islam nicht falsch „interpretierend“, zurren Hisba und Da’wa als die Werkzeuge der unaufgeklärt-islamischen Disziplinierung zwischen Islamabad und Gaza-Stadt, Jakarta und Kairo in diesen Jahren dem freiheitsliebenden Individuum die Fesseln immer enger und stehen dem Aufbau von Bürgerrechten und Rechtsstaat schlicht im Weg. Ägyptens Verfassung stellt klar: „Der Islam ist Staatsreligion. Arabisch ist Amtssprache, die Hauptquelle der Gesetzgebung ist die Islamische Jurisprudenz (Scharia).“[5]

Wer unkritisch einen Theokraten wie al-Ghazali ehrt, den Großmeister der Schariapolitik, billigt den totalitären Islamischen Staat oder den religiös begründeten Rechtspluralismus, will also entweder das Kalifat oder den Ausstieg aus dem für alle geltenden einheitlichen und (jeden Menschen gleich behandelnden) Recht – oder hat vom Islam nichts verstanden.

Toleranz leben, Vertrauen wagen, aufeinander zugehen, das sind angemessene Wahlsprüche für mehrtägige Jugendfreizeiten, solange die universellen Menschenrechte auf der Seite der Veranstalter bekannt und gewollt sind oder, und von allen, wenigstens wie zufällig gelebt werden. An Lobbyisten einer auf Ungleichbehandlung (der Frau, des Andersgläubigen) beruhenden Doktrin wie derjenigen des Islamischen Rechts sollten Säkulare nicht tolerant, sondern ausgesprochen misstrauisch herangehen.

Redner und Teilnehmer der Tagung 900 Jahre al-Ġazālī im Spiegel der islamischen Wissenschaften – Perspektiven für eine Islamische Theologie in Deutschland sollten sich (oder wenigstens uns) die Frage erlauben, ob das zu einer offenen Begegnung unabdingbare Grundvertrauen angesichts der orthodox-islamischen Frauenfeindlichkeit und geheiligten Diskriminierung der Nichtmuslime angezeigt ist. Ein anderer Islam als derjenige von Scharia und Fiqh ist derzeit zwar mit sympathischen Einzelpersönlichkeiten anzutreffen, jedoch leider noch nicht organisierbar.

Wunderbare Dinge sollen nun von den in der BRD neu geschaffenen universitären Islamischen Studien ausgehen, eine neue Islamische Theologie gar, die nicht länger mit den Standards der Allgemeinen Menschenrechte (AEMR) kollidiert. Welche Gelehrten (‚Ulama, Sg. ‚Alim) den korangemäß (islamgemäß) auf die Scharia zu verpflichtenden Muslimen künftig die Rechtsgutachten (Fatwen) ausstellen sollen, ist unbeantwortet geblieben: Doch hoffentlich nicht diejenigen des, Scheich Yusuf al-Qaradawi nahe stehenden, European Council for Fatwa and Research (ECFR)?[6] Oder will man in Osnabrück dazu aufrufen, im Sinne eines selbst bestimmten Lebens jeden Fatwa-Konsum einzustellen? Haben sich Bülent Ucar („für eine authentische Entwicklung des Islams in Deutschland und Europa“) oder Mouhanad Khorchide („Dafür ist eine Zusammenarbeit mit den islamischen Religionsgemeinschaften geboten“)[7] jemals vom ECFR distanziert, werden sie eine Theologie erschaffen (was doktrinär nur Allah kann) und vermarkten können, die verlässlich gegen die mehr als unterschwellige Misogynie und Gewaltbereitschaft der Funktionäre von Muslimbruderschaft oder (muslimbrudernahem) ECFR anredet und erzieht?

Zugegeben etwas ungläubig haben wir vernommen, dass die Scharia jetzt den Banden der Grundrechte eingepasst werden soll. Das Streben mag die Öffentlichkeit an die beiden Konzepte von Euro-Islam erinnern, die Bassam Tibi säkular und nachhaltig rechtsstaatlich und Tariq Ramadan allahzentrisch und ein wenig revolutionär entworfen haben.

Tibi forderte vom europäischen Muslim den Verzicht auf installierte Islamische Justiz (Fiqh) und die Abkehr vom Islamischen Recht, damit die universellen Menschenrechte keinen Schaden nehmen:

„Im Euro-Islam gibt es keine Scharia und kein Dschihad. Viele Muslime sagen, ohne Scharia und ohne Dschihad gibt es kein Islam. Wenn sie ehrlich sind und informiert sind, was Scharia und Dschihad bedeuten, dann können sie leicht zum Ergebnis kommen: Scharia und Dschihad sind nicht verfassungskonform. Das heißt: Wenn ich an den Islam glauben will und will an Scharia und Dschihad festhalten, dann kann ich nicht auf dem Boden des Grundgesetz stehen.“[8]

Ramadan will den beibehaltenen islamischen Pflichtenkanon, das Strafrecht eingeschlossen, einer elitär betriebenen Debattenkultur unterziehen, das Ergebnis sei dann demokratiefähig:

„Meine Position ist, dass wir anfangen müssen, darüber zu diskutieren. Ich glaube nicht, dass die Umstände, diese Strafen wieder einzuführen, zurückkommen werden. Aber ich will mit den islamischen Gelehrten in eine kritische Diskussion treten, … indem ich die Idee vorantreibe, die Strafen zu suspendieren und den Dialog darüber zu eröffnen, was wir wollen. Ich weiß nur eines: Es ist unmöglich, sie anzuwenden, deshalb müssen wir es beenden im Namen des Islams.“

Die Religion des Islam scheint der selbsternannte Genfer Islamsprecher dabei als parallele Staatlichkeit zu begreifen, die sich zwischen Regierung und „Islambürger“ schiebt und alles Nichtislamische auf die jeweiligen Ergebnisse der Beratschlagung („Diskussion“) warten lassen darf. Zu einem unzweifelhaften Vorrang der AEMR gegenüber den Religionsgesetzen schweigt Ramadan. Auch zum Verzicht auf den Hidschab (Schleier, islamisches Kopftuch) oder für die Möglichkeit der Islamapostasie macht sich der Sohn von Muslimbruder Said Ramadan und Enkel von Hasan al-Banna, dem Gründer der Muslim Brotherhood, nicht gerade stark.

Das angeblich unbedingt und sofort in den Hochschulbetrieb zu integrierende „islamische Wissen“ ist aus Sicht der ‚Ulama das, was die Seele vor der ewigen Verdammnis rettet. Reinhard Schulze gibt sich optimistischer und redet von Islamischer Theologie:

„Islamisches Wissen soll durch einen akademischen Diskurs nicht nur verwaltet, sondern bearbeitet und weiterentwickelt werden. … Die Aufgabe, vor der wir heute stehen, ist die Integration der islamischen Selbstauslegung in das akademische Feld deutscher Universitäten.“[9]

Wer sieht Anlass zur Hoffnung, dass die an den deutschen Fakultäten für Islamische Theologe im Aufbau befindliche Imamausbildung und Ausbildung der Lehrer für einen Islamischen Religionsunterricht näher am Konzept des Göttinger Politikwissenschaftlers steht und weiter entfernt vom gleichnamigen Entwurf des Genfer Islamisten? Was Bülent Ucar (ebenfalls bei dradio) zu den Möglichkeiten der Theologiefortschreibung sagt, mag Spannung verbreiten, ist aber kein vorbehaltloses Bekenntnis zur Universalität der Menschenrechte:

„Es kann aber auch sein aufgrund der pluralistischen Gesellschaft hier im Westen, dass sich so etwas wie ein liberaler Islam entwickelt.“

Wer am 28.-30. Oktober 2011 im Osnabrücker Schloss Abu Hamid al-Ghazali als Beispiel träumerischer Mystik ausgeben will, lese beim illusionslosen Murad Wilfried Hofmann:

„Andernfalls müssten sie wissen, dass Islam selbst von Mystikern nie nur als eine Sache des Herzens verstanden werden darf, sondern notwendig die Unterwerfung unter das Gesetz, die Schari’a, impliziert.“[10]

Hofmann argumentiert völlig im Einklang mit al-Ġazālī, der den Trance-Techniken verzückter Gotteserfahrung gewisser Sufi-Gemeinschaften jeden Selbstzweck abspricht. Nicht Entrückung sichert das Heil, sondern soziopolitischer Gehorsam:

„Die Menschen schlafen, und erst wenn sie sterben, erwachen sie (people are asleep, and when they die they wake up). … Die Liebe zum Diesseits ist die Ursache aller Sünde, das Diesseits ein Ackerfeld für das Leben danach.“

„Voller Treue und Eifer soll der einfache Muslim die Gelehrten nachahmen, die Erben der Propheten. Die Gelehrten sollen die Gottesfreunde, Propheten und Engel bis zur Auslöschung aller menschlichen Eigenschaften imitieren, damit sie im Paradies zu menschengestaltigen Engeln verwandelt werden.“

Nur dem schariatisch korrekt Handelnden gelinge es in seinem Leben, die (das Seelenheil gefährdenden) Extreme zu vermeiden. Glauben heißt gehorchen! Das ist die Botschaft eines ernsthaft an al-Ghazali ausgerichteten Islamischen Religionsunterrichts (IRU).

Zur Ausbreitung der islamischen Seinsweise darf gelogen werden, stellt al-Ghazali fest.[11]

Wer die Islamische Ordnung aufbaut und seine Familienangehörigen und Nachbarn mit der Grundlage jeder Hisba-Tätigkeit, mit dem „Das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten (Koran 3:110) zum „religiös richtigen Tun“ zwingt, sei gerade nicht gleichsam zu heiß oder zu kalt, sondern human und gemäßigt, habe sozusagen Körperwärme, wie Tugendtyrann al-Ghazali, die griechischen Philosophen zweckentfremdend, anordnet:

„Vollkommene Tugend ergibt sich dem Gottesfürchtigen ganz von selbst, die Wahrheit ist für ihn jederzeit und mühelos ersichtlich.“

„Ziel ist die Wohlausgewogenheit, das mittlere Maß, denn Übermaß wie Mangel sind meidenswert. Wir Menschen wünschen wohltemperiertes Wasser, nicht zu heiß und nicht zu kalt.“

Um die Frauenfrage war der vor 900 Jahren verstorbene Imam besonders bemüht, wie man im Al-Ḥyā ‚Ulūm ad-Dīn (Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften) erfährt:[12]

„Sie muss im Hof bleiben und sich um die Wäsche kümmern. Sie darf nicht allzu oft ausgehen, muss einfältig und gutmütig sein, darf keinen allzu geselligen Umgang mit den Nachbarn haben und sie nicht öfter besuchen, als es absolut unverzichtbar ist. Sie muss sich sehr um ihren Ehemann kümmern und ihn respektvoll behandeln. Ohne seine Einwilligung darf sie das Haus nicht verlassen.“

Die Tagungsteilnehmer im Osnabrücker Schloss sollten sich umsehen, ob Exemplare der Spezies Frau unter ihnen anwesend sind, die gegen al-Ghazalis Vorgabe verstoßen und ohne Erlaubnis des Ehegatten gekommen sind. Wer das jetzt nur lustig findet, weiß nicht, was Islamisches Recht und Deutschlands Ehrenmorde miteinander zu tun haben. Unattraktiv muss die Tugendhafte wirken, anonym wie ein Zombie durch Nebengassen huschen:

„Dabei hat sie [beim Ausgehen, beim Verlassen des Hauses] abgetragene Kleidung anzulegen und sich nur auf unbelebten Straßen zu bewegen. Die öffentlichen Märkte muss sie meiden und sicherstellen, dass niemand sie an ihrer Stimme erkennt. Sie darf sich nicht an einen Freund ihres Ehemannes wenden, selbst wenn sie seine Hilfe gerade nötig hätte.“

Was al-Ghazali zur Frau im Islam predigt, ist kein „Islamismus“, sondern echter alter Islam.

Vor einer Zersplitterung des deutschen Islams warnend, lobt der 1984 in Lützelbach im Haus des Islam (Wolfgang Borgfeldt) weilende Hofmann den Islamfunktionär Ahmad von Denffer, der gerade seine sechs Jahre an der Maududi-orientierten britischen Islamic Foundation beendet hatte:

„Wenn alle diese Gruppen und Grüppchen und ihre fernen Mäzene sich dem Islam so verschrieben hätten wie Ahmad von Denffers Muslim-Gemeinschaft, dann würden sie an einem Strick ziehen. Wenn.“

Der radikale, aus Leicester heimgekehrte Konvertit bekannte sich später religiös zu palästinensischen Selbstmordattentaten („eine der höchst lobenswerten Formen des Gottesdienstes“), ganz nach dem Vorbild des Apostaten und Homosexuelle als tötenswert erklärenden Scheichs al-Qaradawi,[13] und ermuntert jeden deutschen Muslim, den säkularen Staat zu überwinden und: „diese Gesellschaft in eine islamgemäße umzuwandeln.“[14]

Gareth Jenkins (2010) unterschätzt den türkischen Ministerpräsidenten womöglich, der, die Unrechtssysteme Iran und Sudan betreffend, keineswegs betriebsblind ist, sondern politisch geschickt:

„Dass man die Länder des einstigen osmanischen Reiches an sich binden, zu deren ‚Gravitationszentrum’ werden will, das hat ja auch Außenminister Davutoglu immer ganz konsequent gesagt. Das ist Strategie. Aber ich glaube auch, dass es eine gewisse Blindheit, eine Naivität gibt bei Erdogan und der AKP. Sie sehen diese Regime nicht so wie sie sind. Es ist ein Ausdruck der mangelnden intellektuellen Tiefe Erdogans, er kann nicht erkennen, was böse ist im Sudan, weil er es durch einen muslimischen Filter wahrnimmt. Diese Leute können nicht schlecht sein, sie sind Muslime. … Das eigentliche Problem ist aber eine kulturelle Blindheit der AKP gegenüber muslimischen Extremisten. Man erkennt oft gar nicht, dass jemand ein potenzieller Terrorist ist, weil derjenige als frommer Muslim dasteht, und somit grundsätzlich akzeptabel erscheint.“[15]

Die größere „Blindheit“ oder Einfalt könnte viel eher auf Seiten des Islamische Studien empfehlenden deutschen Wissenschaftsrats (WR) liegen und bei den fünf Universitäten, die, durch den Staat mit jeweils bis zu 4 Millionen Euro gefördert,[16] um die rasche Ansiedlung von schariafreundlichen Studiengängen rangelten.

Falls sich Deutschlands Islamische Theologenausbildung als das Hofmannsche „an einem Strick ziehen“ erweisen sollte, als ein die Integration behinderndes und die Abschottung förderndes Hand-in-Hand-Arbeiten mit FIOE (Federation of Islamic Organisations in Europe) bzw. ECFR, wird es hilfreich sein, rechtsstaatliche Wege offen gehalten zu haben, um das waghalsige Experiment einer universitären IRU-Lehrer- und Imamausbildung zu beenden.

Religionslehre an öffentlichen Schulen darf nicht dazu beitragen, Rechtsstaat und bürgerliche Ordnung zu ironisieren und zu erodieren. Bevor die heutigen Islamverbände staatlicher Ansprechpartner für einen bekennenden Religionsunterricht sein können, ist der Verzicht auf die Wortwörtlichkeit von Koran und Hadith zu erklären. Der Aufbau von Fiqh-Justiz (Fatwa-basierten Schiedsstellen, Schariagerichtshöfen) darf nicht betrieben werden.

Edward von Roy

Diplom-Sozialpädagoge (FH)

Gabi Schmidt

Sozialpädagogin

[1] Aus dem Mīzān al-‘Amal (Waage-Skala des Handelns) stammen, wo nicht anders angegeben, auch die anderen Zitate. Eigene Übersetzung nach al-Ghazalis Criterion of Action bzw. Critère de l’action verschiedener Quellen, u. a.

Criterion of Action (Mizan al-‘Amal), bei: S. Dunya, Kairo 1964

http://www.ghazali.org/works/mizan-en.htm

Das etwas weltverachtende „alle Menschen schlafen“ (when they die they wake up) entstammt dem Hadith. Soll der an al-Ghazali geschulte Teilnehmer des künftigen IRU sich für einen Schlafwandler (sleepwalker) halten? “There is a hadith of the Prophet Muhammad, which is attributed also to Ali. He says that human beings are asleep. And when they die they wake up. So, there is this notion that human beings go through life as sleepwalkers, as people who are really not waking up to their own potential – to this power that resides within us.”

http://xeniagreekmuslimah.wordpress.com/2010/10/05/human-beings-are-asleep-when-they-die-they-wake-up-why-some-are-unable-to-understand-te-quran/

[2] Necla Kelek: Aus Muslimen müssen freie Bürger werden

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/freiheitspreis-an-necla-kelek-aus-muslimen-muessen-freie-buerger-werden-15935.html

[3] WELT 20.07.2007, Boris Kalnoky: Das System von Recep Tayip Erdogan

Zitat: „Gott sei Dank sind wir Anhänger der Scharia“, sagte Erdogan 1994 der Zeitung ‚Milliyet’. Der Satz daraus „unser Ziel ist der islamische Staat“, hat die Türkei erschüttert

http://www.welt.de/politik/article1042341/Das_System_von_Recep_Tayip_Erdogan.html

[4] DER SPIEGEL am 01.06.2008, Daniel Steinvorth: Wenn Frauen besondere Reize aussenden.

„Für andere Frauen, säkulare Türkinnen, kommt der Sittenkatalog einem Rückschritt in die Steinzeit gleich.“

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,556473,00.html

[5] Art.2. Islam is the Religion of the State. Arabic is its official language, and the principal source of legislation is Islamic Jurisprudence (Sharia).

http://www.egypt.gov.eg/english/laws/constitution/chp_one/part_one.aspx

[6] ufuq, bei bpb – „Qaradawi selbst gilt als Vordenker der islamistischen Muslimbruderschaft. Zwar präsentiert er sich als Verfechter der „wasatiyya“, einer „Mittelposition“, die nach einer gemäßigten Position zwischen den Extremen suche. Doch bekennt er sich zur maßgeblichen Rolle der Scharia im gesellschaftlichen Alltag. … Qaradawi ist auch Präsident des 1997 in Dublin gegründeten Europäischen Fatwa- und Forschungsrates (ECFR).“

http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=2R8K3B

[7] IGMG 01.01.2011 Islamuntericht: Moschee und Schule ergänzen sich

Khorchide will, hier publiziert es die Millî Görüş: „dass sich der islamische Religionsunterricht an den Schulen und der Religionsunterricht an den Moscheen künftig gegenseitig ergänzen sollen.“

http://www.igmg.de/nachrichten/artikel/islamuntericht-moschee-und-schule-ergaenzen-sich.html?type=98

[8] Der europäische Islam (Michael Hollenbach, dradio 25.07.2009)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1004570/

[9] „Was ist Islamische Theologie?“ Reinhard Schulze (Köln 13.07.2010)

http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/Schulze.pdf

Während Schulze vor dem Wissenschaftsrat dozierte, protestierten Bürgerrechtler vor dem Tagungszentrum MediaPark

http://vafpage.de/aktionen.html#Juni

[10] Murad Wilfried Hofmann 1981, aus: Tagebuch. Dort liest man, was der gottesfürchtige Diplomat drei Jahrzehnte eher unter Wissenschaft zu verstand: „Oh ja, diese Soziologie argumentiert vom gewünschten Ergebnis her. Atheismus ist ihr nicht nur Arbeitshypothese, sondern Axiom. Wenn dies die herrschende Weltanschauung der gesamten westlichen Welt wird, dann gute Nacht auch für Europa.“

http://www.way-to-allah.com/dokument/tagebuchwilfriedhoffmann.pdf

[11] Frommes Lügen ist für die Ausbreitung des Schariagesetzes gestattet, sagt al-Ghazali:

“Know that a lie is not wrong by itself … We must lie when truth leads to unpleasant results.”

http://books.google.de/books?id=alSXCzWQmKcC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false

[12] Eigene Übersetzung nach: « Elle doit rester au foyer et filer la laine. Elle ne doit pas sortir trop souvent. Elle doit être ignorante, ne doit pas être sociable avec ses voisins et ne doit leur rendre visite que si c’est absolument nécessaire. Elle doit prendre soin de son mari et doit lui témoigner du respect, en sa présence comme en son absence. Elle doit essayer de le satisfaire en toutes choses. Elle ne doit pas essayer de le tromper, ni de lui extorquer de l’argent. Elle ne doit pas quitter sa maison sans la permission de son mari … Elle devra revêtir de vieux vêtements et emprunter des rues désertes. Elle devra éviter les marchés publics et s’assurer que nul ne puisse identifier sa voix et la reconnaître. Elle ne doit pas adresser la parole à un ami de son mari, même si elle a besoin de son assistance.»

Aus : Revivification des sciences de la religion, cité par Ghassan Ascha, Du statut inférieur de la femme en Islam, l’Harmattan, Paris 1987, p. 41.

http://www.denistouret.fr/textes/al_Ghazali_Algazel.html

http://fr.narkive.com/2004/12/28/1753783-le-statut-inferieur-de-la-femme-en-islam.html

Zu al-Ghazali und die Frauen vgl. auch Describing Women and Their Good and Bad Points

Imam Ghazali: Counsel for Kings [Nasihat al-Muluk], London, Oxford University Press, 1964, pp. 158-173

http://www.globalwebpost.com/farooqm/study_res/ghazali/women_good_bad.html

[13] Qaradawi declared Hezbollah’s war a legitimate Jihad in accordance with Islamic law on his Web site, where he also stated, „It is the duty of every Muslim to support this resistance against the Israeli enemy.“ …

Qaradawi has also justified killing apostates and homosexuals. In an interview with the Egyptian newspaper Al-Ahram Al-Arabi in 2004, Qaradawi condemned apostasy and ordered the death penalty for those who stray from Islam. In 2003 Qaradawi stated on IslamOnline that the punishment of homosexuality is the death penalty.

http://www.adl.org/NR/exeres/788C5421-70E3-4E4D-BFF4-9BE14E4A2E58,DB7611A2-02CD-43AF-8147-649E26813571,frameless.htm

[14] bpb – Rainer Brunner zitiert Ahmad von Denffer:

„Hier hat der Wolf aber gehörig Kreide gefressen! (…) Niemand wird ernsthaft glauben, was der Zentralrat hier vorträgt. An der Forderung des Korans, danach zu streben, dass nach Allahs Wort zu entscheiden ist (Koran 5:44-50 u.a.), kann kein Zweifel bestehen. Mit seinem ‚Begrüßen’ des Systems der Bundesrepublik Deutschland wo ‚Staat und Religion harmonisch aufeinander bezogen sind’ rückt der Zentralrat aber eindeutig von dieser koranischen Maßgabe ab“

http://www.bpb.de/veranstaltungen/NTGHNT,0,0,Die_Islamische_Charta_des_Zentralrats_der_Muslime_in_Deutschland.html

[15] Boris Kalnoky für WELT-online am 25.01.2010, „Erdogan kehrt zurück zu muslimischen Instinkten“

http://www.welt.de/politik/ausland/article5970785/Erdogan-kehrt-zurueck-zu-muslimischen-Instinkten.html

[16] James Angelos am 03.08.2011, in: Germany Tries to Forge European Brand of Islam

Germany’s government is granting five of its public universities up to €4 million ($5.7 million) each to develop Islamic theology programs. The Osnabrück experiment, the first German university course of its kind, has gained a great deal of attention.

http://online.wsj.com/article/SB10001424053111903635604576476230269701982.html

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